Gesänge im Kopf
Ich stehe auf, dusche, ziehe mich an. Dann trinke ich meinen Kaffee auf dem Balkon, mein Blick schweift über den Yachthafen - auf "Vater Rhein". Durch den Kopf schießt mir - auch wenn es gar nicht zu dem sich mir bietenden Bild passen will - "Super-Bayern, Super-Bayern!".
Etwas später im Auto auf dem Weg zur Arbeit - ich muss grinsen: "Die Bayern! Die BAYERN!". Immer wieder hallt es durch meinen Kopf - wie aus tausend Kehlen: "Deutscher Fußballmeister...Deutscher Pokalsieger...Europapokalsieger - FCB!". Zurück in der Normalität bin ich immer noch nicht. Das wird wohl auch noch dauern. Zu geil ist dieses Endergebnis der abgelaufenen Saison. Ich fühle Stolz und tiefe Freude! Wenn ich mich dabei erwische, mich über irgendetwas aufzuregen oder Gefahr laufe, schlechte Laune zu bekommen - ein Gedanke schießt wieder und wieder mahnend durch meinen Kopf: Wir haben das Triple! Der Ärger verpufft in Sekundenschnelle. Wozu rege ich mich auf? Ich habe gerade die geilste Saison meines Fan-Daseins (immerhin sind das schon dreieinhalb Jahrzehnte) erlebt.
Was war das für eine Saison! Was für Spiele haben wir erlebt?! Unfassbar - immer noch. Unfassbar!
Es deutete sich mit den Neuverpflichtungen zu Beginn der Saison 2012/13 an - der FC Bayern hat aus dem Ergebnis mit dem doch eher dünnen Kader der letzten Saison gelernt und will mehr Qualität in der Breite. Dafür nahmen sie auch ordentlich Geld in die Hand. Viel wichtiger als Geld aber ist das Geschick, die richtigen Elemente einer Mannschaft zusammen zu bringen - sozusagen ein Team "builden". Das kann man wohl als gelungen bezeichnen...
Die Neuen / Neuzugänge
Javier
Martínez Aguinaga - Der "40 Millionen-Mann" Martinez. Was wurde im Vorfeld nicht alles über ihn geschrieben?! Jetzt - zum Abschluss seiner ersten Bayern-Saison muss man deutlich herausstellen: Ja, der Mann ist sein Geld wert. Jeden Cent!
Javi Martinez ist eine großartige Ergänzung im defensiven Mittelfeld, mit einem schönen Nebeneffekt: seine Anwesenheit macht Bastian Schweinsteiger noch besser - Weltklasse!
Claudio
Pizarro - Ein guter alter Bekannter bei den Bayern-Fans und er sollte uns nicht enttäuschen. Seine Qualitäten waren bekannt, zudem war der Peruaner ablösefrei. Toller Ergänzungsspieler, der uns mit einigen Toren wieder verzückte.
Tom
Starke - Back up für Manuel Neuer. Wann immer er gebraucht wurde, er war da und erfüllte seine Aufgabe - genau dafür wurde er geholt.
Dante Bonfim Costa Santos - Was für eine Saison für den Brasilianer! Von Beginn an hielt er die Abwehr dicht und brillierte als bester Innenverteidiger des Rekordmeisters. Die schwere Verletzung Holger Badstubers fiel nicht ins Gewicht, da mit Dante ein "Turm" in der Abwehrmauer stand, an dem es fast unmöglich war vorbeizukommen.
Als Krönung amüsierte der sympatische Kerl die Bayern-Fans mit seinen Gruß-Videos an die Mannschaft vor und nach dem Pokalfinale. Top-Einkauf!
Xherdan
Shaqiri - der junge Kosovo-Schweizer zeigte regelmäßig im Laufe der Saison, warum man ihn nach München holte. Sympathieträger und ein tolles Fußballtalent. Auch er zu Weltklasse-Leistungen in der Lage. Wir werden noch viel Freude an dem "Vierkantholz" haben!
Mario
Mandzukic - Es war zu erwarten, dass er die große Konkurrenz des
Mario Gomez wird. Dennoch war es überraschend, wie schnell sich der
Kroate ins Team fand und von Beginn an durch Zweikampfstärke,
Einsatzwillen und Effizienz Gomez auf die Bank verwies. Ein "Abwehr-Stürmer", wenn man so will. Super-Einkauf!
Mitchell-Elijah
Weiser - Um dem Ex-Kölner Spielpraxis zu ermöglichen, einigten sich der FC Bayern München und der 1. FC Kaiserslautern auf ein bis 30. Juni 2013 gültiges Leihgeschäft.
Es ist die goldene Generation des deutschen Fußballs, aber noch immer eine Generation ohne großen internationalen Titel. Bis zum 25. Mai.
Die Alten / Führungsspieler
Bastian
Schweinsteiger - Wer jetzt noch zweifelt an Schweinsteigers Weltklasse, dem ist einfach nicht mehr zu helfen. Ein echter Leader auf dem Platz - aber kein "Lautsprecher". Es geht also doch - auch ohne große Töne zu spucken. Seine Dynamik, seine Technik, sein Auge - er ist Dreh- und Angelpunkt des Bayern-Spiels. Wieder eine große Saison von ihm! Überraschend viele Kopfballtore.
Philipp
Lahm - Ja, manchmal nervte er mich. Aber in dieser Saison gab es kaum Anlass dazu. Lahm zeigte sich als Dauerläufer auf Weltklasse-Niveau - durchgängig, über die ganze Saison hinweg. Besonders beeindruckend: Gerade in den entscheidenden Spielen tauchte er nicht ab, sondern ließ das "Biest" raus und gab Knallgas. Sensationelle Saison! Ich sogar fange an, ihn zu mögen.
Manuel
Neuer - Wer immer noch nicht begriffen hat, dass Neuer zu uns passt wie die Faust aufs Auge, dessen Sinne sind vermutlich irreparabel beschädigt. Wenn er gebraucht wurde, war er der Weltklasse-Tormann, als den wir ihn eingekauft haben. Spätestens nach dieser Saison steht auch fest, dass er die großen, die ganz wichtigen Spiele entscheiden kann. Ihm haben wir zu einem großen Teil den Champions League-Pokal zu verdanken. Neuer sicherte uns den DFB-Pokal. Und wer hätte gedacht, dass der schüchtern wirkende Westfale ein echtes Feierbiest ist?! Neuer ist definitiv angekommen beim FCB.
Thomas
Müller - Tja, der Müller.. was soll man da noch sagen? Ein Instinktfußballer - nicht ausrechenbar - irgendwie verrückt, dieser Kerl. Ein unkontrollierbarer Irrwisch. Da taucht er 80 Minuten unter - und bleibt trotzdem auf dem Platz. Warum? Weil er unberechenbar ist und auch in den letzten zehn Minuten Chaos in die gegerische Abwehr bringen kann und dann das entscheidende Tor schießt. Ein echter "Müller" eben. Geile Saison, des sprechgewaltigen Publikumslieblings!
Der Trainer
Jupp-Jupp-Jupp-Jupp-Jupp...
Es fehlen einem die Worte.. wie soll man diese letzte Saison des Fußball-Urgesteins auf deutschen Fußballplätzen beschreiben? Der Herbergs-Vater des FC Bayern hat das Kunststück fertig gebracht, aus jungen Talenten und Weltklasse-Stars eine verschworene, solidarische Gemeinschaft zu schmieden. Bestes Beispiel dafür ist wohl Arjen Robben, der seine Egozentrik weitgehend verloren hat und sogar Verteidigungsaufgaben übernahm. Selbst die Bankdrücker hatten bei Heynckes nie das Gefühl, nicht zum Team zu gehören oder weniger wichtige Rollen zu spielen. Taktisch hat Jupp Heynckes in den Spielen gegen Barca oder auch im Finale in Wembley gezeigt, dass er ganz Großer seiner Zunft ist. Lernfähig und jung geblieben ist er ohnehin - und das mit 68. Heynckes sorgte für den Gänsehaut-Moment der Saison, als er in Mönchengladbach nach seinem letzten Bundesliga-Spiel uns alle zu Tränen rührte. Jetzt geht er in den wohlverdienten Ruhestand - vorerst. Danke, Trainer! Danke!
Das Team
Robben - Ribéry - Badstuber - Gomez - Tymoschtschuk - Rafinha - van Buyten - Boateng - Kroos - Alaba - und Matthias Sammer.
Arjen
Robben - für mich der Held der Rückrunde (und das nicht nur wegen seines Wembley-Tores). Verletzungsfrei - Robben! Eine Saisonhälfte lang! Dann setzt er sich klaglos auf die Bank und nutzt die Minuten, in denen er spielen darf. Am Ende profitiert er von der Verletzung Toni Kroos' und trumpft groß auf. Tolle Einstellung eines Stehaufmännchens! Wahnsinns-Fußballer!
Ribéry - laut 11Freunde die "französische Hafenratte" - was für eine Hammer-Saison des Franzosen! Ohne Übermut zählt er berechtigterweise zu den Kanditaten für den Titel des Weltfußballer des Jahres. Seine Wandlung vom einsilbigen Ego-Shooter zum auskunftsfreudigen Bayern-Inventar sagt alles. In München fühlt er sich sauwohl.
Holger
Badstuber - die tragische Figur der Saison. Gute Besserung!Aber die Solidarität der Mannschaft mit ihm, sagt viel über die Person Badstuber aus. Wird schon noch!
Mario
Gomez ist - man will es kaum glauben - so etwas wie der Verlierer der Saison. Der effizienteste Stürmer der Liga - Torschützenkönig der Vorsaison - eine Tor-Maschine seit Jahren - und am Ende wird der wohl den Verein verlassen. Ich habe die Kritik an ihm nie verstanden - ein verkanntes Fußball-Genie, aber eben fußballerisch nicht der Typ, der anno 2013 in modern taktierenden Teams gefragt ist. Kommt Lewandowski, geht Gomez - auf beiden Seiten folgerichtig und konsequent. Sympathischer, zurückhaltender Kerl, der in der abgelaufenen Saison verlässlich wie ein Schweizer Uhrwerk war.
Anatoliy
Tymoshchuk verlässt den FC Bayern in Richtung Zenit St. Petersburg. So richtig gezündet hat er ja selten, aber die Spiele im gerade abgelaufenen Spieljahr, in denen er ran durfte, war er meist überzeugend. Gleiches gilt auch für
Gustavo. Ein prima Kerl. Mach's gut, Tymo - alles Gute bei Deinem neuen/alten Verein!
Mich hat der Brasilianer überrascht. Kaum gebraucht, kaum gespielt - aber
Rafinha hat zum Ende hin nochmal Biss gezeigt. Fühlt sich wohl in München, möchte bleiben - klagt auf der Bank nicht und kann hervorragend Louis Armstrong-Songs zum Besten geben.
Daniel
van Buyten. Irre der Kerl. Totgesagte leben länger - nichts passt besser auf den Belgier und seine Jahre beim FCB als dieses Sprichwort. Der als zu langsam und hüftsteif verschrieene Abwehrspieler wird von Jahr zu Jahr besser und es gelingt ihm, sich wieder und wieder in die Stamm-Formation zu spielen. Kein Wunder, dass sein Vertrag verlängert wird.
Jéròme
Boateng ist ein Weltklasse-Innenverteidiger. Nicht immer, aber mittlerweile sehr regelmäßig. Auch für ihn gilt: er ist angekommen beim FC Bayern und war in dieser Saison enorm wertvoll.
Toni
Kroos verpasste leider das Saisonfinale - aber er ist ein ganz wichtiger Faktor im Bayern-Spiel, auch wenn er immer so wirkt, als stecke noch viel mehr in dem jungen Mann, als er zu zeigen bereit ist.
David
Alaba - ein Pfundskerlchen! Wiener Schmäh und ein gesegnetes Fußballtalent. Wieder eine große Saison des jungen Österreichers! Den mögen sogar die Bayern...
Und dann ist da noch unser neuer Sportvorstand Matthias
Sammer. Er passt zum FC Bayern, wie das noch fehlende Mosaiksteinchen. Erfolgshungrig, fokussiert und glasklar in seinen Analysen, hat Sammer das Ziel im Visier und beißt alles weg, was ihm im Wege stehen könnte. Er warnt, mahnt und erinnert, was dem Klub in einigen Situationen des Spieljahres 2012/13 sehr gut getan hat. Auch wenn es von außen nicht so leicht zu beurteilen ist, aber er hat einen gewaltigen Anteil am Erfolg.
Auch wenn Spieler hier einzeln erwähnt wurden, letztlich war es die Gemeinschaft aller Spieler, die ein gigantisches Jahr verwirklicht haben. Ein Team, das wirklich eines war und auch hoffentlich bleiben wird.
Die Fans
Das Verhältnis des FCB zu seinen Fans ist en gros intakt. Dennoch gibt es eine Baustelle, die auch ich als nur noch gelegentlicher Stadionbesucher nicht übersehe. Das Miteinander zwischen Teilen der Ultra-Szene und dem Klub ist auf Eis gelegt. Hier sind beide Seiten nicht ohne Schuld. Was fehlt ist der Dialog und das Verständnis für die Belange der jungen Fans auf Seiten des Vereins - und die Bereitschaft, auf Gewalt und Pyro-Fackeln auf Ultra-Seite zu verzichten. Die Beschimpfungen von Neuer oder auch Hoeneß sind nicht vergessen. Doch den harten Kern der Südkurve in Gesamthaftung zu nehmen und als Lösung einen greisen Terrorismusexperten zu berufen, ist falsch und schädlich für die Fan-Kultur beim FCB. Was der Klub braucht, ist einen Fan-Beauftragten mit Kompetenzen, der den Dialog sucht und bestenfalls weiß mit er wem und von was er spricht. Klatschpappen machen uns eher zum Gespött der Liga und sind nicht die Lösung, die die Allianz Arena in Sachen Stimmung braucht.
Ich habe mir schon viel Mist anhören müssen über die Fans des FC Bayern, aber wenn es drauf ankommt, dann sind sie da. Zahlreich und stimmgewaltig; kreativ und leidenschaftlich. In Wembley war jedenfalls mehr Rot als Gelb - und Rot war lauter als Gelb. An dieser Stelle nochmals vielen Dank für die Choreo in London - trotz aller Widerstände und Missverständnisse, die die Dortmunder Fans abgeschreckt haben. Danke Club 12! Das war richtig tolle Arbeit!
"Am Ende des Tages" wird uns bewusst, dass wir etwas Großes, ja vielleicht auch Einmaliges erleben durften. Ich zehre davon. Heute, morgen und sicher noch lange Zeit.
Ich habe mich verliebt in diesen Fußball, in diese Mannschaft, in diese vergangene Saison. Danke, FC Bayern - Ihr habt großartige Arbeit geleistet!